Die Position: Wir müssen uns mehr kümmern! - Gastbeitrag von Matthias Anbuhl in "DIE ZEIT" vom 15.01.26

Studierende aus aller Welt wollen an deutsche Unis. Damit es Ihnen dort gut geht, brauchen sie soziale Unterstützung

An unseren Hochschulen studieren mehr als 400.000 Menschen aus aller Welt, so viele wie nie zuvor. Sie sind für unser Wissenschaftssystem und unsere Wirtschaft von enormem Wert. Rund 40 Prozent eines Jahrgangs internationaler Studierender bleiben nach dem Studium in Deutschland. Sie spülen nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft mehr als 15 Milliarden Euro in unsere staatlichen Kassen. Internationale Studierende bereichern zudem unsere Gesellschaft: Sie fördern internationale Verständigung, bauen Vorurteile ab und schaffen persönliche Brücken zwischen Ländern und Kulturen.

Wegen der Repressionen der Trump-Regierung gegen internationale Studierende bricht nach neuesten Daten deren Zahl an US-Hochschulen massiv ein. Viele global mobile Studierende schauen sich nach anderen Ländern um. Wenn Deutschland für sie attraktiv bleiben will, brauchen wir massive Investitionen in das soziale Fundament unseres Hochschulsystems. Nur so wird die Internationalisierungsstrategie erfolgreich, die Bund und Länder gemeinsam entwickelt haben. Hier gilt das Motto: Klotzen, nicht kleckern! 

Viele der internationalen Studierenden kämpfen mit Bürokratie, haben Probleme, ihr Studium zu finanzieren, sind psychisch belastet oder haben nicht genügend soziale Kontakte. Vor allem die Wohnungssuche ist eine enorme Herausforderung. Aus Indien, China und der Türkei kommen derzeit die meisten internationalen Studierenden. Vielen von ihnen bleiben die Türen auf dem privaten Wohnungsmarkt in Deutschland verschlossen.

Hier helfen die Studierendenwerke. Sie stellen rund 45 Prozent ihrer etwa 200.000 Wohnheimplätze internationalen Studierenden zur Verfügung. Gleichzeitig fördern sie Integration und Teilhabe durch studentische Wohnheimtutoren. Sie unterstützen beim Zurechtfinden im fremden Land, beugen Einsamkeit vor, laden vielleicht sogar zu Partys ein und sorgen so mit dafür, dass Freundschaften entstehen. Diese Angebote sind ein entscheidender Beitrag zur sozial-akademischen Integration – werden aber bislang nur vom Freistaat Bayern und vom Saarland finanziell gefördert. Auch die psychosoziale Beratung der Studierendenwerke nutzen internationale Studierende intensiv.

Damit Internationalisierung gelingt, müssen bei zukünftigen staatlichen Förderprogrammen auch die Studierendenwerke berücksichtigt werden. Insbesondere das im Jahr 2023 gestartete Bund-Länder-Programm »Junges Wohnen« kann mittel- und langfristig Abhilfe schaffen, weil die Studierendenwerke mit diesen Mitteln mehr bezahlbaren Wohnraum auch für internationale Studierende schaffen können – wenn denn die Länder das Programm kraftvoll umsetzen. Und die Kommunen kostengünstige Grundstücke bereitstellen.

Gleichzeitig benötigen wir politischen Realismus: Dass alle Beteiligten im Hochschul­system – Bundesregierung und Länderregierungen, Hochschulen, DAAD, Studierendenwerke – die Internationalisierung fordern und fördern, heißt nicht, dass sie überall positiv gesehen wird. Fremdenfeindliche Tendenzen drohen das Klima zu vergiften.

Der erstarkte Rechtsextremismus in Deutschland ist eine schwere Hypothek für die Internationalisierung unserer Hochschulen und Gift für alle Bemühungen, Fachkräfte aus dem Ausland zu gewinnen. Wissenschaft lebt von grenzüberschreitendem Austausch. Die gesellschaftliche Wirklichkeit sieht vielerorts anders aus.

Aber wir können viel tun: Wir haben fast drei Millionen Studierende in Deutschland, und dazu kommen noch mal mehr als 800.000 Hochschulbeschäftigte und 19.000 Mitarbeitende in den Studierendenwerken. Wenn sich allein diese Menschen für Welt­offenheit und gegen Diskriminierung und Rechtsextremismus engagieren – dann ist schon viel gewonnen.

 

Der Artikel wurde Online in DIE ZEIT publiziert: 

https://www.zeit.de/2026/03/internationale-studierende-deutschland-soziale-unterstuetzung-buerokratie-finanzierung